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Drei Annahmen zur Pflegesituation von Seniorinnen und Senioren mit Migrationshintergrund

1. ... und es kommen Menschen.

Bis vor wenigen Jahren wurde angenommen, dass die Bevölkerungsgruppe der eingewanderten älteren Menschen nach Eintritt ins Rentenalter wieder in das Herkunftsland zurückgeht. Dies ist meistens nicht der Fall. Schätzungen für 2030 belaufen sich auf 2,8 Millionen Seniorinnen und Senioren mit Migrationshintergrund in Deutschland.

2. Die Familie wird es schon schultern.

Da der Zusammenhalt in den Familien mit Migrationshintergrund durchschnittlich stärker ist als bei der autochthonen Bevölkerung, gehen viele davon aus, dass das Altenhilfesystem nicht viele Seniorinnen und Senioren mit Migrationshintergrund aufnehmen muss. Richtig ist, dass sich viele um eine intrafamiliare Lösung bemühen, allerdings ist diese immer schwieriger zu realisieren.

3. Lass sie erst mal kommen...

Viele ambulante wie stationäre Einrichtungen beabsichtigen sich dann auf die Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund einzustellen, wenn eine relevante Anzahl als Kundinnen und Kunden aufgenommen wurde. Somit gibt es auch wenige Anfragen der Zielgruppe.

Kultursensible Pflege

„trägt dazu bei, dass ein pflegebedürftige Person entsprechend ihrer individuellen Werte, kulturellen und religiösen Prägungen und Bedürfnisse leben kann“. (aus dem Memorandum für eine kultursensible Altenhilfe 2002).

Unter anderem folgende Ausrichtungen der Pflegewissenschaften und der Pflegepraxis sind hilfreich:

Biografieorientierte Pflege: den persönlichen Hintergrund des Pflegebedürftigen erfahren mit Fragen nach Herkunftsregion, Migrationsgeschichte, Bewertung der Lebensziele, Arbeits- und Familiengeschichte

Systemisches Arbeiten: Einbeziehung von der Familie (nicht nur der Kernfamilie) und sozialem Umfeld wie Migrantenorganisationen, religiöse Einrichtungen, Nachbarn, etc.

AEDL (Aktivitäten und essentiellen Erfahrungen des Lebens) nach Roper und Krohwinkel

  • beispielsweise Kommunizieren: Viele Seniorinnen und Senioren mit Migrationshintergrund haben entweder wenig Deutsch gelernt oder es im Alter wieder verlernt. Mitarbeiter/innen mit Migrationshintergrund können die Fremdheit überbrücken.
  • beispielsweise Essen und Trinken: Gewohnheit und religiöse Vorschriften werden bisher meist weder bei den Menudiensten (Essen auf Rädern) noch in den (teil)stationären Einrichtungen berücksichtigt. Lediglich vegetarisches Essen anzubieten ist keine Lösung.

Beispiele von Einrichtungen, die sich interkulturell geöffnet haben

Ambulanter Dienst Gesundheitspflege Mainz: Mitarbeiter/innen aus 15 Ländern pflegen ca. 100 Pflegebedürftige aus neun Ländern
Victor-Gollancz-Haus in Frankfurt-Höchst: Station für Muslime und interkulturelle Öffnung seit 2002
Mediterrane Abteilung im Pflegezentrum Erlenhof in Zürich, Träger Diakonie, seit 2003

 

Christiane Böhm bietet Vorträge, Seminare, konzeptionelle Begleitung und Coaching zu diesem Thema an. Siehe auch Veröffentlichungen zu diesem Thema.

 

 

  Centrum für Migration und Bildung e.V.